Technik 1

Mag. Werner Wörndle, erster Teil: DIE KERNBEWEGUNGEN DES ALPINEN SKIFAHRENS

Gleichgewicht, Tempo, Mittellage – Rutschen/Kanten und alpines Fahrverhalten

Die aktuelle Skitechnik strebt situationsgerechtes Carven in allen Radien an. Was sind nun die wesentlichen Elemente dieser heute praktizierten Skitechnik „Carven“? Am meisten fallen einem wichtige Dinge auf, wenn wir diese nicht sofort zur Hand haben, etwa beim Aktivieren der individuellen Skitechnik am Beginn jeder neuen Wintersaison.

Für viele begeisterte Schneesportler fällt der erste Skitag der neuen Saison ernüchternd aus, weil die euphorischen Bilder im Kopf nicht mit der Wirklichkeit der Skipraxis in Einklang stehen. Grund dafür sind zu weit gehende Erwartungen an das Eigenkönnen, welche nach achtmonatiger Skipause stark von den Leistungen der letzen Abfahrten im vergangenen Frühjahr abweichen (müssen). Nicht einmal die so gewissenhaft betriebene körperlich- konditionelle Vorbereitung kann die inzwischen weit zurück liegenden inneren Bilder der Skitechnik kompensieren und wieder aus den Tiefen der Erinnerung hervorholen. So sind wir doch immer wieder überrascht, wie müde und verspannt wir nach dem ersten Skitag trotz unserer gewissenhaften konditionellen Vorbereitung sind.

Abhilfe für diesen Zustand schafft nur Konzentration auf die Grundtechnik des Skifahrens, gepaart mit einer deutlichen Zurücknahme der Fahrgeschwindigkeit, unterstützt durch einfache Übungen zur Aktivierung des Gleitgefühls und der Rückbesinnung auf die skitechnischen Grundelemente. Motivation und Euphorie der neuen Wintersaison lassen das Fahrtempo viel zu weit nach oben rutschen, das Gefühl für die Feinsteuerung- die „Feinkoordination“, will aber alljährlich wieder neu erarbeitet werden. Nicht umsonst betreiben Rennläufer ein umfangreiches Vorbereitungsprogramm, welches nicht selten 80 Schneetage und mehr umfasst. Wenn wir Normalverbraucher also die Stars der Weltcupszene in den ersten Rennen bewundern können, haben diese schon mehr Skitage absolviert, als die meisten Freizeitskifahrer/Innen jemals in einer ganzen Saison vorweisen können. Diese tollen Bilder aus den ersten Skirennen faszinieren besonders durch die Dynamik, welche jedoch vorwiegend durch das hohe Fahrtempo vermittelt wird. Hohe Fahrgeschwindigkeit erleichtert zwar das Auslösen von Richtungsänderungen, aber nur wenige Fahrsituationen im skitouristischen Umfeld ermöglichen wirklich hohes Tempo.

Kurvenfahren in langsamen und mittleren Geschwindigkeitsbereichen fordert hingegen besonders präzise Anwendung und exaktes Timing der Kernbewegungen des alpinen Skifahrens. Dies ist eine Hürde, welche sich z.B. Skirennläufer/innen in der Skilehrerausbildung immer wieder entgegen stellt. Ein Topathlet sieht sich seiner vertrauten Werkzeuge Tempo und Kraft beraubt, plötzlich ändern sich Timing und Bewegungsumfänge und es entsteht ein ganz anderer raum- zeitlicher Bewegungsverlauf. 

DIE KERNBEWEGUNGEN DES ALPINEN SKIFAHRENS
Unter den Kernbewegungen des alpinen Skifahrens versteht man zunächst die sichtbaren Bewegungsabläufe und Körperhaltungen beim Skifahren, vereinfacht auch als „Skitechnik“ bezeichnet. Zur Beschreibung der Skitechnik werden die typischen Bewegungsabläufe und Körperhaltungen des Skifahrens als Leitlinie verwendet. Diese sind untrennbar verbunden mit den wichtigsten Bewegungsaufgaben im Skifahren:

Gleichgewicht halten im ...

- Gleiten

- Drehen

- Kanten

- Belasten und Entlasten

 

Gegenstand der Vermittlung von „Skitechnik" im Alltag der Skischule sind vorwiegend die Inhalte der Grundtechnik. Sind die Elemente der Grundtechnik stabil erarbeitet, dienen diese als Basis für die Weiterentwicklung in höheren Fertigkeitsstufen und werden als Lösungsverfahren für die weiterführenden Lehrziele in der Meisterstufe und für alternative Schneesportarten variabel angewendet.

DAS GLEICHGEWICHT – BASIS FÜR AUSGEWOGENES FAHRVERHALTEN:
Gleichgewichthalten ist die alles überlagernde Anforderung im Skifahren. Die Organe des Gleichgewichtsvermögens und der Sehhorizont sind für die Balance beim Skifahren besonders wichtig und müssen zu Beginn der Saison wieder neu geeicht werden. Diese „Eichung" legt die persönliche Mittellage fest, den Bezugspunkt für die eigene Position über den Skiern und zum Hang, sowie für die richtige Einschätzung der Fahrgeschwindigkeit. Die volle Bedeutung dieser Sinnesleistung tritt im Falle von diffusen Lichtverhältnissen oder bei dichtem Nebel besonders deutlich hervor!

■ Der Systemschwerpunkt
Die Lage des Systemschwerpunktes, der nicht nur den Skifahrer selbst, sondern auch seine gewichtige Ausrüstung einbezieht, beeinflusst die Qualität des Gleitens entscheidend. Tiefe Fahrpositionen sind stabiler, höhere Fahrpositionen oder gar Sprünge ohne Bodenkontakt stellen eine viel labilere Gleichgewichtslage dar. Ein tieferer Systemschwerpunkt bietet durch die stabilere Gleichgewichtslage auch bessere „Standfestigkeit", ein sichereres Fahrgefühl.

■ Vorlage und Rücklage
Vorlage und Rücklage bezeichnen Positionen des Körperschwerpunktes entlang der Skilängsachse. Vorfuß (Vorlage) oder Ferse (Rücklage) werden dabei jeweils mehr belastet. In „Mittellage" belastet der Skifahrer die gesamten Fußsohlen gleichmäßig, daraus folgt eine ausgeglichene Druckverteilung über die ganze Länge der Ski und diese wiederum ermöglicht
optimales Gleiten. Beim Gleiten in Schussfahrt liegen die Ski auf der ganzen Lauffläche auf, Gleiten in Schrägfahrt und Gleiten in Kurven erfolgt auf den Kanten entlang der Skitaillierung, möglichst ohne seitliches Abdriften.

■ Mittellage
Der Hilfsbegriff „Mittellage" bezeichnet eine zentrale Position des Körperschwerpunktes
über den Skiern, bei mittlerer Beugestellung der „Skigelenke". Dadurch entsteht eine in alle Richtungen des Raumes bewegungsbereite Fahrposition (hoch–tief, links–rechts,
vor–zurück). Ein ständiger Ausgleich zwischen äußeren Einflüssen und Reaktion des Skiläufers durch innere Kräfte wird letztlich über die Fußsohlen an die Ski übertragen. Die Fußsohle hat also als Kontaktstelle der Druckübertragung eine sehr wichtige Funktion. Das motorische Zentrum im Bewegungshirn gleicht Daten des Sehhorizontes sowie Spannungsempfindungen von Muskelspindeln, Sehnenorganen und Druckaufnehmern der Füße gegeneinander ab und bringt den Körper über Haltungskorrekturen wieder in die optimale Fahrposition.

Dieses Ausbalancieren des Körpers über der Skimitte fordert jährliche Anstrengung- besonders bei Wiederaufnahme des Skifahrens, um eine optimale Eichung der individuellen Fahrposition zur erzielen. Skifahrern in ausgeglichener Mittellagebalance sieht man die Verbundenheit mit der Piste oder dem Gelände während der Abfahrt an. Die Sicherheit, welche diese Könner während der Fahrt vermitteln, gründet in einem ausgewogenen Alpinen Fahrverhalten, dessen Kennzeichen sich im Verlauf der Entwicklung der Skitechnik nicht geändert haben, weil sie auf den Rundregeln der Bewegungsphysik beruhen.

■ Die Kraftübertragung durch den Fuß
Die Kraftübertragung durch das Fußgewölbe hat große Bedeutung für alpine Skiläufer, dementsprechend wichtig ist auch der exakte Sitz und richtige Aufbau von Schuh und Innensohle. Einlagesohlen im Skischuh verbessern den Kontakt und die direkte Übertragung der Steuerbewegungen. Sohlendruck und satter Kontakt mit dem Fußbett des Skischuhes sind für Fahrgefühl und Kraftübertragung sehr wichtig. Am Fuß konzentrieren sich die angreifenden Kräfte: wechselnde Gleitreibung, Stöße von vorne und von der Seite, Luftwiderstand und Drehmomente. Die Belastungsverteilung über die Vektorenlinien Innenballen/Ferse und Außenballen/Ferse ist entscheidend für sauber geschnittene Kurven oder das Verschneiden mit dem Innenski. Richtige Position des Körpers über den Skiern- ausgehend vom Fuß und eine große Unterstützungsfläche helfen beim Balancieren.

■ Unterstützungsfläche
Grundvoraussetzung für einen sicheren Stand ist eine bewegungsbereite Körperhaltung mit richtiger Einstellung der Hauptgelenke: Sprung-, Knie- Hüftgelenk und Wirbelsäule sind in Anpassung an Gelände und Tempo mehr oder weniger gebeugt. Die Unterstützungsfläche hat große Bedeutung für die Erhaltung des Gleichgewichtes. Breitere Spur gibt bessere Voraussetzungen als schmälere Spur, der Stockeinsatz vergrößert die Unterstützungsfläche zusätzlich. Auch ohne Bodenkontakt helfen die Skistöcke im Sinne einer Balancierstange beim Gleichgewichthalten. Solange der Systemschwerpunkt (Körper plus Ausrüstung) innerhalb der Unterstützungsfläche bleibt, befindet sich der Skiläufer im Gleichgewicht.

 

Alpines Fahrverhalten

■ Grundstellung auf Ski und Alpines Fahrverhalten
Eine natürliche, nach allen Richtungen des Raumes bewegungsbereite Körperhaltung ist die beste Voraussetzung für schnelles Reagieren auf Störungen des Gleichgewichtes. Die Skiausrüstung setzt dem Bewegungsumfang aber auch Grenzen.

Der Ausdruck „Mittellage“ bezeichnet eine bewegungsbereite Beugestellung der wichtigsten Gelenke beim Skifahren. Sprunggelenke, Kniegelenke, Hüftgelenke und Wirbelsäule sind in einer der Fahrsituation angepassten Stellung. Der Oberkörper passt sich durch Vorlage der Hangneigung an. Eine Armhaltung vor dem Körper mit den Skistöcken als zusätzliche Balancierhilfe erleichtert das Gleichgewichthalten. Eine stabile Mittellage im Gleiten kann unter Anwendung der Übungen aus dem Lehrziel „Schuss/Gleichgewichhalten im Gleiten“ erarbeitet und gefestigt werden (vgl. „Snowsport Austria – Die österreichische Skischule“, Verlag Hollinek 2007).

Wenn nun diese ausgewogene Mittellageposition aus dem Gleiten in Schussfahrt auf die Hangschrägfahrt übertragen wird, entwickelt sich das klassische Bild des alpinen Fahrverhaltens am Hang.

■ Hangschrägfahrt und Hangausgleich:
Gleiten in Hangschrägfahrt erfordert Ausgleichsmaßnahmen.
Der Bergski gleitet in höherer Spur als der Talski. Dieser Höhenunterschied zwischen den Skiern wird durch leichtes Vorschieben der bergseitigen Hüfte und damit auch des Bergskis ausgeglichen, man spricht von „Hangausgleich“. Die Hangneigung wird durch ein Verbeugen des Oberkörpers nach vorne außen kompensiert (Vorseitbeuge). So wird die Hauptbelastung wieder über die Kanten und vermehrt über den talseitigen Ski gebracht, es entsteht Alpines Fahrverhalten in Anpassung an die Hangneigung und Fahrsituation.

Ein situationsgerechter Hangausgleich und ein optimales, stabiles alpines Fahrverhalten lassen sich am besten über die methodischen Übungsreihen zu den Lehrzielen „Kanten/Schrägfahren" und „Rutschen" entwickeln. Diese Übungen sind Inhalt aller Skiausbildungen des Österreichischen Skischulverbandes und nicht nur für Anfänger, sondern auch im Sinne von Technikübungen („Eichung") für Fortgeschrittene empfehlenswert (vgl. „Snowsport Austria – Die österreichische Skischule", Verlag Hollinek 2007).

Sichtbare Merkmale des Alpinen Fahrverhaltens in Hangschrägfahrt und Kurvenfahrt:
 Die bergseitige Hüfte wird zum Ausgleich des Höhenunterschiedes der Beine vorgeschoben.
 Hüfte und Beine sind zum Hang geneigt (Aufkanten!).
 Der Oberkörper ist nach vorne und talseitig nach außen gebeugt (Vorseitbeuge)
 Der Außenski ist mehr belastet.
 Die Arme mit den Skistöcken werden in den Ellbogen leicht gebeugt und seitlich vor dem Körper gehalten.
 Die gedachten Achsen durch Sprung-, Knie- Hüft- und Schultergelenke sind annähernd zueinander parallel.

Kurvenlage verstärkt die Wirkung der Hangneigung, mehr Kurvenlage heißt auch stärker ausgeprägtes alpines Fahrverhalten. Ein situationsgerechtes, stabiles alpines Fahrverhalten ist die Basis für sicheres Skifahren in allen Fahrsituationen und ist auch im Zeitalter des Carvens das Fundament für die Weiterentwicklung der Skitechnik.

Ein ausgezeichnetes Mittel zur Entwicklung und Eigenkontrolle des alpinen Fahrverhaltens stellen die Übungen zum Kernlehrziel „Carven Grundstufe" dar (vgl. „Snowsport Austria – Die österreichische Skischule", Verlag Hollinek 2007). Diese Übungen aus der Grundtechnik sind längst zum Standardrepertoire von Skirennläufern geworden, die eben auch von Zeit zu Zeit die Notwendigkeit der „Eichung" ihrer individuellen Fahrposition und ihres alpinen Fahrverhaltens sehen. Die langsame Fahrgeschwindigkeit und die Dehnung des Belastungswechsels über eine längere Strecke gibt mit dieser Richtungsänderung die Möglichkeit zur Eigenbeobachtung und Selbstkorrektur.

 

Carving Grundstufe

1, 2, 3 VORBEREITUNGSPHASE
Anfahren in Schrägfahrt, nach vorne erheben und bergseitig auswinkeln.
4, 5, 6 HAUPTPHASE
Gegendruck vom Gelände (Schneewiderstand) und Skitaillierung führen in Richtung Falllinie. Nach dem Belastungswechsel Beidrehen des bergseitigen Skis.
7 ENDPHASE
Aufbau Alpines Fahrverhalten, gesteuertes Ausfahren der Kurve, Tempokontrolle!

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